Treiben sich Mütter auf Facebook in den Still-Wahnsinn?

Wieso muss ich mich rechtfertigen, dass ich meinen Sohn mit seinen 20 Monaten noch stille, wie es die WHO empfiehlt? Wieso werde ich als «Übermutter» betitelt, weil ich für mein Kind lieber selber koche, als ihm pürierte Spaghetti Bolognese aus dem Glas zu geben? In was für einer Zeit leben wir, in welcher Mütter, die sich für die Akzeptanz einer absolut natürlichen Sache einsetzen, als Sekte bezeichnet werden?

 

Mir blieb die Spucke weg, als ich gestern den Artikel über die Facebook Gruppe «Stillen Schweiz» bei Watson gelesen habe.

Diejenige Gruppe, dank welcher ich als junge Mutter so sehr in meiner Einstellung zum Stillen bestärkt wurde. In welcher ich unglaublich viel lernen durfte und in der unzählige Mamis, qualifizierte Stillberaterinnen, Hebammen und Ärztinnen tagtäglich wertvolle Tipps, Erfahrungen und Zuspruch bereithalten.

 

Es ist ein wahrer Segen, dass diese Fachpersonen auf einer kostenlosen (!) Plattform praktisch 24 Stunden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die wohl einzige Mütter-Gruppe, in der kein Gezanke und Bashing an der Tagesordnung stehen. Es herrscht Anstand, Respekt und Toleranz, was ich so nicht von vielen Gruppen behaupten kann.

 

Umso überraschter war ich, als ich den Artikel über genau diese Facebook-Gruppe gelesen habe, laut welchem ich bzw. wir stillenden Mamis einer radikalen und unter Druck setzenden Sekte verfallen sind.

 

 In ihrem Artikel berichtet Nadja, was in dieser Gruppe angeblich so abgeht und wie sehr Mütter von anderen Müttern in dieser Gruppe unter Druck gesetzt werden. Offenbar stört sie, dass eine klare «Pro Stillen» Stimmung herrscht und Pulvermilch nicht die erste Wahl ist. Wie der Name der Gruppe unschwer erkennen lässt, sind die Mitglieder aber offensichtlich Verfechter der natürlichsten Art der Säuglings- und Kinderernährung. Wenn ich in einer Volvo-Liebhaber Gruppe nach Rat für ein neues Auto suche, wird mir wohl kaum zu einem BMW geraten...

 

In ihrem Text suggeriert die sogenannte Reporterin, dass Mütter der Gruppe sogar ihre Jobs kündigen, da das Kind aufgrund des Stillens nie «abgegeben» werden könne und eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung unabdingbar ist. 

Interessanterweise sind die Mütter, die in dieser Gruppe als Admins fungieren, fast ausschliesslich arbeitstätige Mütter, die tagtäglich alles dafür geben, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen und sich für die Vereinbarkeit von Stillen und Arbeiten einsetzen.

 

Nadja zitiert eine Melanie, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, die behauptet, dass die Stillberaterinnen der Gruppe ein klassisches Rollenbild propagieren und mit dem Stillen ausschliesslich die Mutter als Quelle von Liebe, Geborgenheit und Nahrung wahrgenommen werde.

 

Grund genug, für sie davon auszugehen, dass der Vater so keinen Platz mehr hat und ausschliesslich die Mutter eine innige Beziehung mit dem Kind leben kann. Zu dieser Aussage fehlen mir die Worte und ich verweise liebend gerne auf diesen Artikel von Ellen über eine der Administratorinnen der Gruppe.

 

Der zitierte Kinderarzt Andreas Geiser, welcher erklärt, dass das Stillen in den allermeisten Situationen tatsächlich die beste Wahl ist, wir aber hervorragende Alternativen haben, würde sicher davon profitieren können, noch einmal die Empfehlungen der WHO durchzulesen und sich über die Inhaltsstoffe in der Muttermilch zu informieren. Wie soll Pulvermilch beispielsweise dem entzündeten Hals meines Kindes zur Besserung verhelfen? Und wie passt sich Pulvermilch optimal den Bedürfnissen meines Kindes an? Wie der Kassensturz letztes Jahr aufgedeckt hat, fanden sich in allen getesteten Pulvermilchen krebserregende Stoffe.

 

Pulvermilch sollte meiner Ansicht nach keine Alternative, sondern eine Notlösung sein. Aus welchen Gründen zu dieser Notlösung gegriffen wird, ist jeder Mutter selbst überlassen. Dass ein Arzt Pulvermilch als hervorragende Alternative für Muttermilch bezeichnet, lässt mich stark an seiner Kompetenz und Unabhängigkeit zweifeln. Tatsache ist: Milupa und Co. statten regelmässig Besuche in Kinderarztpraxen ab.

 

Der Artikel hat mich sehr aufgewühlt, da gegen Mütter geschossen wird, die sich dafür einsetzen, dass das Stillen und ein allgemein natürlicher Umgang mit unseren Kindern möglich ist. Mütter, die verunsicherte Mamas begleiten und ihnen zur Seite stehen. Wie viele hunderte Mütter von den Hilfestellungen in dieser Gruppe profitieren konnten, war für den Artikel nicht relevant. Eine Handvoll Personen, die sich von dieser Hilfe unter Druck gesetzt fühlten, erhielten eine reichweitenstarke Plattform, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen.

 

Ich persönlich kann die Gruppe «Stillen Schweiz» jeder Mama und werdenden Mama, die stillen möchte, von Herzen empfehlen. Denn heutzutage herrscht kein «Still-Zwang», wie im Artikel behauptet wird. Meiner Erfahrung nach eher das Gegenteil. Stillende Mütter müssen immer wieder um Akzeptanz und Verständnis kämpfen. So wird das Stillen im Restaurant für viele zur Mutprobe und das Stillen eines zweijährigen Kindes zum Versteckspiel.

 

Hiermit möchte ich all den engagierten Mitgliedern und Admins dieser Gruppe ein riesiges Dankeschön aussprechen. Ihr leistet täglich Grossartiges und ich spreche wohl im Namen vieler Mamas, wenn ich sage, dass ich ohne euch viele schöne Momente mit meinem Kind nicht erleben hätte können. Ohne euch hätte ich mich von vielen Aussagen meiner Mitmenschen beeinflussen lassen und würde nicht so selbstsicher meine Argumente kundtun. Dank euch lerne ich tagtäglich so vieles über mein Kind und mich dazu.

 

DANKE!

 

Rahel Kappes

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Kommentare: 3
  • #1

    Lucy (Mittwoch, 14 Februar 2018 10:59)

    Ich hoffe sehr, dass Watson deinen Text zu lesen bekommt! Und nicht nur sie, sondern auch all die nun dank ihr verunsicherten Frauen, die Opfer dieses hirnrissigen Artikels geworden sind... Unglaublich toll geschrieben!

  • #2

    Janine (Mittwoch, 14 Februar 2018 11:00)

    Wow! Manchmal findet man selber nicht die richtigen worte, um gefühle auszudrücken. Du hast das gerade bei so vielen mamis geschaft! Danke auch von mir!

  • #3

    Claudia (Freitag, 23 Februar 2018 20:39)

    Liebe rahel
    Dieser eintrag hat mich tief berührt! Mehr frauen sollten so denken.
    Weiter so! Mein baby ist jetzt 9 monate alt und ich stille sie nach bedarf (noch seeehr oft,da brei und auch schoppen verweigert wird) trotzdem bin ich berufstätig. Stillzeit sei dank kann ich nach hause fahren zum stillen.
    Es gibt nichts schöneres.... hoffe das ich sie noch lange stillen darf.
    Aber bereits jetzt kriege ich oft zu hören wie lange ich den noch stillen will...
    es wäre schön wen mehr akzeptanz herrschen würde.